25 Jahre ärztlich kontrollierte Selbstbehandlung für
Hämophilie in Deutschland
1971 - 1996 - Ein Rückblick
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Von: Günter Schelle, Bad Honnef Im August 1970 liest der Bonner Hämatologe Prof. Dr.
med. Hans Egli, Direktor am Institut für Experimentelle
Hämatologie und Bluttransfusionswesen der Universität
Bonn in der Fachzeitschrift "Medical Tribune" einen Bericht,
der ihn gleichzeitig fasziniert wie elektrisiert. Die Zeitschrift
berichtet über die amerikanische Hämatologin Dr. Flora I.
Franklin, M.S.,R.N. vom Regional Hemophilia Rehabilitation Center,
Orthopaedic Hospital Los Angeles, die auf dem 6. Kongreß der
Weltföderation für Hämophilie in
Baden/Österreich über Erfahrungen bei der Eigenversorgung
von Hämophilie-Patienten mit Plasma-Konzentraten über ein
neues Behandlungskonzept für hämophile Patienten
sprach. Vom rechtlichen Standpunkt aus sei die Selbstbehandlung
Hämophiliekranker genauso anzusehen, wie die
Insulininjektionen der Diabetiker. Die Verantwortung liege beim
behandelnden Klinikarzt, der für genaueste Instruktionen zu
sorgen habe. Durch das Selbstbehandlungsprogramm könne eine erhebliche Zeitverkürzung zwischen Blutungs- und Therapiebeginn erreicht werden, daraus resultiert eine Reduzierung und Ausschaltung orthopädischer Schäden und somit eine Absenkung der Fehlzeiten in der Schule und am Arbeitsplatz. Ebenso sei durch die Heimselbstbehandlung eine Reduzierung der Krankenhaus-aufenthalte möglich und könne sogar zu einer Reduzierung des Konzentrat-verbrauchs beitragen, was schließlich auch zu einer erheblichen Kosteneinsparung führe. In der Zusammenfassung stellt Frau Dr. Franklin fest, daß die Ergebnisse des Selbstbehandlungsprogrammes zeigen, daß die Selbstbehandlung mit Konzentraten die prompteste und wirksamste Behandlung der Blutung darstellt. Diese Art der Behandlung kann zahlreiche lebensbedrohliche Blutungsepisoden sowie muskuläre und Knochendeformitäten vermeiden. Der Erfolg dieses vorläufigen Programmes zeigt, daß die Behandlung der meisten Patienten mit Hämophilie ganz wesentlich durch Anwendung der Selbstbehandlung mittels Konzentrat verbessert werden könnte...
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Prof. Egli bekundet in einem Schreiben vom 7.9.1970 an Dr. Franklin das große Interesse seines Institutes und der deutschen Hämophilie-Patienten (vertreten durch die Deutsche Hämophiliegesellschaft) an dieser neuen Behandlungsmethode und bittet um weitere schriftliche Informationen. Desweiteren schlägt er einen Besuch in Los Angeles vor, um sich vor Ort über die neue Behandlungsmethode erkundigen zu können. Vom 8. - 29.1.1971 fliegt eine deutsche Ärztedelegation auf Einladung von Frau Dr. Franklin vom 30. September 1970 nach Los Angeles, um sich vor Ort in intensiven Studien über das Home Transfusion Programme zu informieren. Neben den Bonner Ärzten Prof. Egli und Dr. Rippich nehmen der Münchner Hämophiliebehandler Prof. Gastpar an dieser Informationsreise teil. Am 11. und 12. Januar 1971 findet mit der Leiterin des Heimselbstbehandlungsprogrammes, Frau Dr. Franklin sowie die Direktorin des Orthopaedic Hospital, Frau Prof. Carol Kasper ein eingehender Gedankenaustausch über das neue Behandlungskonzept statt. Die Fragen der deutschen Ärzte werden wie folgt beantwortet: 1. Frage: Antwort: 2. Frage: Antwort: 3. Frage: Antwort: 4. Frage: Antwort: 5. Frage: Antwort: 6. Frage: Antwort: Schließlich werden die deutschen Ärzte intensiv und mehrere Tage in die praktische und theoretische Schulung der Patienten eingeführt und besuchen abschließend die Hyland-Werke (dem führenden Hersteller von Plasmakonzentraten) in der Nähe von Los Angeles, um sich hier ein Bild von der Herstellung der Konzentrate und deren ausreichenden Verfügbarkeit bei einer großflächigen Anwendung zu machen und Fragen nach der Präparatesicherheit zu stellen...
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Nach der Rückkehr nach Deutschland beginnt Prof. Egli mit seinem Ärzteteam mit der Vorbereitung der Einführung der Heimselbstbehandlung in Deutschland. In einem Schreiben vom 28.4.1971 werden die Patienten des Institutes angeschrieben, über die neue Behandlungsmethode informiert und zu einem Informationsgespräch für den 2. Juni 1996 nach Bonn eingeladen. Während dieser Zusammenkunft werden die Patienten über die Durchführung des Selbstbehandlungsprogrammes durch Prof. Egli und Frau Dr. Franklin (die sich auf Einladung von Prof. Egli vom 29.5.-23.6.1971in Bonn aufhält) unterrichtet. Etliche Patienten werden dann in den nächsten Wochen in Einzelunterweisungen durch den Bonner Hämophiliebehandler Dr. Brackmann sowie Frau Dr. Franklin in der praktischen Durchführung der intravenösen Injektionen geschult. Am 22. und 23. Juni 1971 schließlich wird das für Deutschland von Dr. Franklin und Prof. Egli gemeinsam entwickelte Heimselbstbehandlungsprogramm in der Medizinischen Klinik München anderen deutschen Hämophiliebehandlern (vertreten durch Prof. Marx) sowie der Deutschen Hämophiliegesellschaft (vertreten durch OStR Maurer als Vorstandsvorsitzenden) vorgestellt. Am 30. November 1972 berichtet das Deutsche Ärzteblatt in einem Sonderdruck über die bis dahin gesammelten Erfahrungen in der Heimselbstbehandlung der Hämophilie bei über 130 Patienten. Es wird zusammenfassend festgehalten, daß nach den bisherigen Erfahrungen die Heimselbstbehandlung dazu geeignet ist, das schwere Krankheitsbild der Hämophilie entscheidend zu mildern und bei konsequenter Anwendung die Folgen hämophiler Blutungen, wie sie sich in Gelenkversteifungen und Lähmungen manifestieren, zu vermindern. Darüber hinaus vermittelt sie dem Hämophilen weitgehende Unabhängigkeit gegenüber seinem Leiden und damit jene Freiheit des Handelns, die ihm den Zugang zu bisher verschlossenen beruflichen und privaten Möglichkeiten öffnet. Ganz entscheidend für den Erfolg dieser neuen Therapie ist ohne Zweifel neben den ärztlichen Leistungen der Einsatz von Plasmakonzentraten. Schnell stellen sich die Herstellerfirmen Behring, Cutter, Hyland und Immuno auf den wachsenden Bedarf ein und ermöglichen somit eine rasche Verbreitung der ärztlich kontrollierten Selbstbehandlung. Allerdings kann auch nicht verschwiegen werden, daß durch den Einsatz von Plasmakonzentraten neben vielen Erleichterungen für die Hämophilen auch schlimme Krankheiten ihren Raum einnehmen, wie z.B. die Hepatitis-Infektionen Ende der 70er Jahre oder die HIV-Infektionen Anfang der 80er Jahre. Dennoch wäre eine so hoch entwickelte Behandlung wie die der Hämophilie ohne den Einsatz dieser Präparate heute nicht möglich. Auch die Krankenkassen erkennen recht schnell die Vorteile der neuen Behandlungsmethode. Nachdem sie anfänglich mit dem Hinweis auf eine völlig neue und somit genehmigungspflichtige Behandlung jede Zahlung verweigern wollten, schränken sie die Zahlungsverweigerung im Juli 1972 insoweit ein, als sie mit Hinblick auf den Einsatz von Cohn´scher Fraktion I und Faktor VIII Konzentrat von der amerikanischen Firma Hyland auch in Kassenpraxen eine 80% Kostenübernahme zusichern. Mit Schreiben vom 1.9.1972 dann teilt der Verbandsgeschäftsführer der Ortskrankenkassen Rheinland die volle Kostenübernahme der Behandlungskosten seiner Mitgliedskassen mit und unterrichtet auch die übrigen Landesverbände der Ortskrankenkassen und empfiehlt auch den Bundesverbänden der Land-, Betriebs- und der Innungskrankenkassen, sich diesem Verfahren der vollen Kostenübernahme anzuschließen...
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Heute ist die Selbstbehandlung Hämophiler in Deutschland
selbstverständlich und kommt flächendeckend zum
Einsatz. Wir, die Betroffenen, hoffen aber auch, daß dieser Zustand für uns erhalten bleiben kann. Mit Sorge beobachten wir die Veränderungen in der gesundheitlichen Versorgung der Gesamtbevölkerung und die immer drastischer werdenden Einsparungen im Gesundheitswesen. Schon kommt es vor, daß Hämophile nur wegen ihres Status von Krankenhäusern abgewiesen und nicht mehr behandelt werden und selbst Universitätskliniken die Behandlung Hämophiler wegen Überschreiten des Budgetrahmens nicht mehr gewährleisten können. Dennoch haben wir alle, die wir von der Hämophilie betroffen sind, denen, die uns das Leben so viel lebenswerter machen, zu danken. Oftmals war und ist der Weg für die, die dieses Ziel vertreten, mit vielen Steinen gepflastert. Nicht immer werden sie für Ihren Einsatz nur gelobt, sondern müssen oftmals auch berechtigte und unberechtigte Kritik an ihrem Tun einstecken. Dieser Dank soll alle Damen und Herren einschließen,
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